Woche des Grauens

Montag |
…war früh aufstehen angesagt. Mein Freund fährt um 5 Uhr zu einer Fortbildung los. Voraussichtliche Fahrtdauer – 2 Stunden. 30 km vor Ankunft ist er auf der Strecke verunsichert und bittet mich von zu Hause aus zu navigieren. Ich gebe meinen Plan auf, genau diese Woche endlich wieder deutlich vor 9 Uhr auf der Arbeit zu sein und öffne Google Maps neben dem Fahrplan, den er mir vorsorglich ausgedrückt hat. Es kann nicht anders kommen, wenn ein Nicht-Autofahrer vom Bett aus mit Laptop auf dem Schoss jemanden vor Ort navigiert – er verfährt sich. Die Zeit läuft, sein Vorhaben früh und entspannt anzukommen ist absehbar am Scheitern. Es folgen lange Minuten der Fragerei meinerseits: Was siehst du jetzt? Siehst du links und rechts Felder? Nur rechts? Was steht auf den Schildern? Was, du siehst keine Schilder wegen dem Nebel? Also wenn du auf beiden Seiten Felder siehst und gleich rechts Gebäude anfangen, dann musst du davor rechts abbiegen! 9.10 Uhr ist er tatsächlich angekommen, jeder von uns hat Blut und Wasser geschwitzt, wir sind genervt, frustriert, die Fahrt hat insgesamt knapp 4 Stunden gedauert, jetzt kann ich mich auch fertig machen. Die Woche kann beginnen!

Dienstag |
…starte ich einen zweiten Versuch, deutlich vor 9 im Büro zu sein. Ich will den Stappel Nicht-Erledigtes zumindest mental auf den Stappel Der Anfang ist der halbe Weg hinbewegen. Dank der Aerobik-Pilates-Stunde, die ich am Abend davor absolviert habe, um den Frust des Montags loszuwerden, spüre ich jedes Muskelchen in meinem Körper. Ich beschließe mich darüber zu freuen, kriege aber meinen Körper nicht hundertprozentig navigiert und steure statt ins Bad in den Türrahmen. Als bekennender Morgenmuffel mache ich mir nichts daraus und beginne mit meinem Morgenritual. Irgendwann greife ich nach dem Fläschen Zauber, dass ich vor 3 Monaten für ganze 50 Euro erworben haben. Dieses Fläschchen beinhaltet das gut behütete Geheimnis aller Komplimente, die ich in letzter Zeit bekommen habe – über mein frisches Aussehen, über meinen erstaunlich sommerlich wirkenden Teint, ganz zu schweigen, dass man mich prinzessinenhaft nannte und mit Grace Kelly verglich… Abgesehen davon war dieses Fläschchen eine Verwöhnung, die ich mir selber gegönnt habe, nachdem ich ordentlich Mühe in verschiedene Projekte gleichzeitig gesteckt habe – meine Belohnung und mein Ansporn. Ach ja und es ist ein Teil meines immer intensiveren Bemühens, meinem Körper nur das Beste zu geben (in Anbetracht der Tatsache, dass ich auf die 30 zusteuere 😉 ) Nun ja, dahin gegriffen, Hand falsch navigiert, Fläschchen nur halb erwischt, aber in Bewegung gesetzt, blitzschnelles Ergebnis: ich erfahre, wie 50 Euro zersplittert auf dem Badezimmerboden aussehen. Und eins drauf: ich lerne, wie Flüßig-Make-up mit Glassplitterbeigemisch von Wänden und Boden zu entfernen ist.
Und damit der Dienstag vollkommen ist, versetzt mich meine Mittagsverabredung, ich warte 30 Minuten und bleibe anschließend hungrig. Verabredung hat mich anscheinend komplett vergessen und meldet sich nicht. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich heute ja nicht geschminkt bin und keiner mehr das häßliche Entlein ohne Chanel-Make-up erkennt.

Mittwoch |
…nehme ich mir fest vor, diese Kette grauenvoller Zwischenfälle zu unterbrechen. Zur Sicherheit ziehe ich heute meine Lieblingsbluse an – diese eine, die an bad days mir immer das Gefühl gibt, dass mein Körper trotzdem gut aussieht… diese eine, die ich mit einem Bikini am Strand tragen kann, die aber auch mit Kleid oder Jeans bürotauglich ist. Meine Egal-was-kommt-darin-fühle-ich-mich-immer-gut-Bluse! Just in dem Moment bücke ich mich, um meine Schuhe anzuziehen und höre wie Stoff reißt… unter der Achsel… es stimmt schon, dass ich diese Woche trainiert habe, aber so schnell wachsen Muckis nicht, dass mir die Klamotten reißen… Dennoch the one and only ist gerissen! Das macht mich traurig und verspricht nichts Gutes! Ich fahre sicherheitshalber mit meinem Fahrrad am Fluß entlang zu Arbeit und meide alle Verkehrsstraßen. Mir ist der Matsch, den der Rhein nach dem Hochwasser hinterlassen hat lieber als Auto- und LKW-Fahrer, die mir die Woche zu Ende versauen könnten. Dass ich dabei meine neuen, supersüßen Wedges ruiniere und die schöne blaue Farbe unter Matsch verschwindet, verspreche ich mir zu verkraften und wieder gut zu machen! Ich komme heile an und steuere Richtung Büro zu, mein Weg geht an der Cafeteria vorbei… Der Boden ist rutschig und ich wiederhole mir wie ein Mantra: Boden rutschig! Schuhe rutschig! Langsam gehen! Boden rutschig! Schuhe rutschig! Langsam gehen! Boden rutschig! Schuhe rutschig! Langsam gehen! Es bringt nichts, ich rutsche aus! Erstmal trägt mich der Anlauf, den ich vom Rutschen genommen habe, durch mehrere Reihen von Tischen und Bänken hindurch, daraufhin verliere ich Antrieb und stolpere abwechselnd mit dem linken und mit dem rechten Fuß, dabei fuchtele ich mit meiner Handtasche in der einen Hand und mit dem langen Schall in der anderen wild um mich rum und versuche eigentlich mich irgendwo festzuhacken, bevor ich mir (meine make-up-lose) Fresse selber ordentlich poliere. Nach gefühlt stundenlangem Sturz und noch einige Tischreihen weiter schaffe ich es, der Erdanziehungskraft zu trotzen und komme zum Stehen. Dummerweise sitzen gaaanz viele Kollegen in der Cafeteria und frühstücken. Das Poltern hat all ihre Blicke auf mich gezogen! Natürlich hatte ich meine Mütze schon vorher ausgezogen, dadurch ist sichergestellt, dass alle die Prima-Ballerina des Morgens erkennen! Ich entferne mich vom Unglücksort, indem ich versuche gefasst und prinzesinnenhaft zu wirken. Einmal um die Ecke gebogen, werde ich schon meinen Atem beruhigen können. Der Arbeitstag kann beginnen!

Ich weiß es ist erst Mittwoch, ich dachte mir, wenn ich jetzt schon die Zwischenfälle festhalte, unterbreche ich damit die Kette und kann den Rest der Woche retten. Update gibt es spätestens am Sonntag!

p.s. Und ja, ich weiß! Navi wird direkt dieses Wochenende gekauft!

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