Zugehörigkeit

Wenn ich zu dem türkischen Lebensmittelladen um die Ecke gehe, werde ich an der Fleischtheke immer als Erste bedient und nett auf Türkisch angelächelt. Sie halten mich für eine Landsfrau! Ich lächle zurück (zwar nicht auf Türkisch, aber auf Nachbarschaftlich) und bin jedes mal etwas verunsichert, ob es nicht zu frech ist, an der Schlange bevorzugt zu werden.
Häufig (oder vor allem wenn ich meine Haare offen und lockig trage) werde ich für irgendwie aus Lateinamerika gehalten. Dann werde ich auf Spanisch angesprochen. Mir geht das Herz auf, weil ich lateinamerikanische Frauen für ihre temperamentvolle und lebendige Ausstrahlung bewundere… Aber abgesehen von meinen Freunden, meiner Begeisterung zu Salsapartys und meiner Lust, bald dahin zu reisen, habe ich wenig gemeinsam mit Lateinamerika.
Wenn mein Freund mich anderen Menschen vorstellt, fragen sie häufig:
„Du bist doch auch Italienerin, oder?“
„Nein, nicht wirklich!“
„Aber sogar dein Vorname ist irgendwie italienisch?!?“
Wenn ich beim Italiener unseres Vertrauens einen Tisch auf seinem Namen reserviere, werde ich direkt auf Italienisch angesprochen. Und auch wenn ich da bin, gehen sie davon aus, dass ich ganz bestimmt und natürlich auf Italienisch bestellen werde. Ich genieße es und wüsnche mir, ich könnte nach so vielen Jahren tatsächlich etwas mehr Italienisch…
Ich genieße jede dieser Verwechslungen und bin nicht sauer oder traurig, wenn keiner sofort auf die Idee kommt, dass ich Bulgarin bin… Ist nun mal nicht so bekannt wie Türkei oder Italien… 😉

Zu diesen Gedanken kam ich, nachdem Petya erzählt hat, wie kompliziert es für ihren Partner und sie ist, auf eine sehr einfache Frage zu antworten: „Wo kommt ihr her?“ Es ist eine wunderbare kleine Diskussion entstanden mit einigen Geschichten von anderen, die keine simple Antwort dafür haben 😉
Die Frage nach der Zugehörigkeit beschäftigt mich immer wieder. Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Welche Nationalität habe ich? Eins der Kommentare bei Petya wiederspiegelt mein Empfinden zu dieser Frage: we belong to a certain mindset before a nationality Das erklärt auch warum mein Partner und ich uns so wohl unter unseren Freunden fühlen, die auch diese Perspektive teilen. Wenn ich so überlege… jeder um uns herum ist freiwillig schon mal in eine fremde Kultur eingetaucht, sei es durch Umzug in (wieder) ein neues Land oder durch die Partnerwahl oder durch den Freundeskreis, oder alles zusammen!
Keine einfache Antwort auf die Zugehörigkeitsfrage, aber muss es denn einfach sein?! Insgeheim bin ich stolz und dankbar, dass ich nicht schnell und eindeutig darauf antworten kann.

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Comments
2 Responses to “Zugehörigkeit”
  1. Bulagriana sagt:

    Geht mir genauso! Du schreibst mir aus der Seele. Noch dazu ist mein Vorname gar nicht bulgarisch sondern richtig italienisch?

    (P.S. Ich glaube, meine Mama und eine Lehrerin von dir waren Schulkolleginnen)

  2. roblitz sagt:

    Mein Vorname ist Rossina, meine Mama hat mich nach einem Komponisten genannt, der am selben Tage geboren ist wie ich (nur einige Jahrhunderte früher) – Gioachinno Rossini. Und natürlich nach meiner Oma Rossiza 😉 Dummerweise steht es in meinem Pass nur mit einem S geschrieben, so dass in Deutschland daraus ein RoZZZZZZZina geworden ist 🙂 Oder noch beliebter unter Freunden – Rosinchen (den Spitznamen kriege ich NICHT weg :D)
    Welche Lehrerin von mir meinst du denn? Wenn deine Mama auch nächstes Jahr zum Schulfest hinfährt muss ich sie unbedingt kennenlernen!

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