Gemischt

Ist es ein Vorteil oder ein Nachteil, wenn man verschiedene Kulturen in sich vereint? Verursacht das einen Konflikt in einem selber oder bereichert es? Wieviele Menschen können überhaupt von sich behaupten, dass sie einzig und allein von einer Kultur geprägt wurden? Ein langes Gespräch war es am Samstag abend… Vier Personen, jede davon, vereint mindestens zwei Kulturen in sich und wir alle haben Deutschland gemeinsam. K ist in Ghana geboren, wobei die Eltern aus den USA und Jamaika stammen, gelebt hat er seine Jugend lang in Kuba, danach in Mexiko, in den USA, in Italien und schließlich in Deutschland. Seine Partnerin – Y, in Venezuela geboren und aufgewachsen, hat in Spanien, danach in Irland, zwischendurch in Italien gelebt und ist jetzt in Deutschland, seit einigen Jahren.
Dazu kommen mein Partner – G, der durch seine Eltern die deutsche und die italienische/sizilianische Kultur vereint, und ich – Ro, die in Bulgarien aufgewachsen ist und in Deutschland Erwachsen geworden ist.
Wir kennen uns jetzt seit vielen Jahren und ich weiß, jeden von uns hat das Thema gemischte Kulturen schon immer beschäftigt. An einem langen, weintrunkenen Abend…hmm, war es eher Nacht…ergab sich jetzt endlich die Gelegenheit, ausgiebig darüber zu diskutieren, zu scherzen, ernst zu werden und wieder zu lachen.

Einer der wichtigsten Eindrücke von diesem Abend war für mich, dass Menschen, die sich freiwillig entschieden haben, in eine neue Kultur einzutauchen, etwas zufriedener und gelassener damit umgehen. Y und ich sind hier die Beispiele – wir beide haben Eltern, die einer gemeinsamen Kultur oder Nationalität angehören. Wir sind damit aufgewachsen und haben uns später bewußt dafür entschieden, in eine neue Kultur einzutauchen. K und G im Gegenteil dazu konnten es sich nicht aussuchen, sondern verbinden von Geburt an mindestens zwei Kulturen in sich. K beschreibt es als einen Konflikt. Einerseit als ein Konflikt zwischen ihm und der Gesellschaft, in der er lebt – weil er nirgendswo hundertprozentig dazu gehört. Andererseits als ein Konflikt in ihm selber, weil er sich selber nirgendwo ausschließlich zuordnen kann. G stimmte dem zu und bekräftigte es mit der Tatsache, dass er für die anderen in Deutschland immer der Italiener ist und in Italien immer der Deutsche und so fühlt er auch selber.

Ein Stückchen bin ich, glaube ich, in ihren Augen naiv, aber ich halte immer noch fest an der Behauptung, dass das keinesfalls ein Nachteil ist. Wenn man mehr Kulturen kennt, erweitert man seinen Horizont. Ich will nicht behaupten, dass Menschen, die nur eine Kultur kennen und erleben, engstirnig sind. Ich will auch nicht auf das Klischee pochen, fremde Kulturen Kennenlernen bildet. Ich bin weit davon entfernt. Ich bin einfach der Meinung, der Konflikt ist nur so lange da bis man es aus dem eigenen Kopf verjagt. Die Gesellschaft wird immer etwas an einem auszusetzen haben… und wenn man von vornerein die Schranke selber im Kopf hat, hindert man sich selber. Schließlich hat sich jeder von uns für einen Partner entschieden, der noch mehr Kulturen in die eigene Sammlung bringt 😉 Also identifiziert man sich irgendwo damit!

Wir saßen also da, jeder von uns mit den Stückchen Welt, die ihn so ausmachen – und genau das machte uns mehr gleich als alles andere, wir alle tragen mehr als eine Kultur in uns. Vielleicht täuscht mich meine Umgebung etwas, aber wie viele Menschen können von sich behaupten, dass sie von einer einzigen Kultur geprägt wurden? Ihr Leben lang? Spätestens, wenn man einen Partner aus einer anderen Kultur hat, ist man damit konfrontiert und wird davon geprägt.
Ich fragte K und G, ob sie auf Kinder verzichten würden, weil sie sich mit der Eindeutigkeit ihrer Identität (ich würde es eher Einzigartigkeit nennen) etwas schwer tun oder in der Vergangenheit gaten haben und das niemandem zumuten wollen. Ist das der Rückkehrschluss? Sie waren sich beide einig – das ist die falsche Logik. Ich denke, sobald man es mit sich selber ausgemacht hat, sollte man damit anfangen, anderen diesen weiten Horizont näher zu bringen. Wer, wenn nicht wir, soll bei anderen Verständnis für den weltweiten Kulturmisch-masch erzeugen? Wer, wenn nicht wir, sollten diese Einzigartigkeit weitergeben und den kommenden Multi-Kulti-Generationen vorleben, wieviele Vorteile das hat.
Was denkst du dazu?

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Comments
4 Responses to “Gemischt”
  1. Bulgariana sagt:

    In letzter Zeit verliere ich mich. Werde immer österreichischer und beneide insgeheim alle Bulgarinnen. Ich würde gern bulgarischer sein. Weisst du, die schönen bulgarischen Seiten. Aber ich lebe viel zu lange hier und es wird von Jahr zu Jahr schwieriger sich auf das, was einem ausmacht zu konzentrieren.

  2. roblitz sagt:

    Hmm, was bezeichnest du denn als Österreichisch an dir? Oder kannst du in Einzelheiten aufzählen, wofür du andere Bulgarinnen beneidest? Das finde ich spannend…
    Ich glaube nicht, dass wir verlieren, was uns ausmacht, sondern das, was uns ausmacht wird mehr und facettenreicher!

  3. Bulgariana sagt:

    Es fällt mir schwerer als gedacht meine Gedanken zu sammeln und nicht abzuschweifen. Ich probiere es später. Je mehr ich nachdenke, umso bewusster wird es mir, dass mir offenbar grundsätzliches fehlt. Wie alt warst du als du nach DE gezogen bist? Vielleicht liegt´s am Alter ://

    • roblitz sagt:

      Ich war damals 18 und das ist schon 9 Jahre her…oops, dann wissen jetzt alle wie alt ich geworden bin 😉 Also ein Drittel meines Lebens und mindestens die Hälfte meines (soweit davon bei mir die Rede sein kann) Erwachsenenseins ist in Deutschland verlaufen… Ich würde nicht bestreiten, dass ich in mancher Hinsicht, vor allem was Alltagssituationen angeht, deutsche Züge oder Handlungsweisen angenommen habe… aber ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass das Bulgarische an mir weniger wird… Vielleicht sollten wir mal ein Treffen organisieren, damit du dann das Bulgarische in dir aufladen kannst 😀

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